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Manche Menschen lesen lieber Bücher als Medaillen zu gewinnen, weil Bücher mehr als nur zwei Seiten haben. Es ist aber schon ein Fortschritt, wenn man überhaupt erkennt, dass jede Medaille stets zwei Seiten hat. Besser eignet sich jedoch als Metapher für einen Rundumblick die Kugel, die man auf genauso viele Weisen betrachten kann, wie man Punkte auf ihr vorfindet oder aufzuzeichnen in der Lage ist. Erkenntnis bedeutet dann, all diese perspektivisch verschiedenen Ausschnitte zu einem runden Gesamtbild zu integrieren, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht so recht zueinander passen wollen - ganz ähnlich wie bei einem Fußballspiel, dei dem die Zuschauer ringsum im Stadion ihr je eigenes und dennoch alle dasselbe Spiel sehen. Doch Menschen, die lieber ihre Medaillen anschauen, für die sie so lange trainiert hatten, polieren am liebsten nur deren Vorderseite, damit sie sich in deren Glanz spiegeln können. - Eine weit verbreitete Form von Ein-sicht. (Norbert Schultheis)



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Der Erlkönig

(Johann Wolfgang von Goethe)

Rubrik: Gedichte

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlkönig mit Kron und Schweif? -
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. -

„Du liebes Kind, komm geh mit mir!
gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
manch bunte Blumen sind an dem Strand,
meine Mutter hat manch gülden Gewand.“

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
was Erlenkönig mir leise verspricht? -
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
in dürren Blättern säuselt der Wind. -

„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
meine Töchter führen den nächtlichen Reihn,
und wiegen und tanzen und singen dich ein.“

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düsteren Ort? -
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
es scheinen die alten Weiden so grau. -

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.“
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! -

Dem Vater grausets, er reitet geschwind,
er hält in den Armen das ächzende Kind,
erreicht den Hof mit Müh und Not;
in seinen Armen das Kind war tot.